Stadt Rödental

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Das Foto zeigt Preiträgerin und Preisträger der Stadt Rödental mit Frau Ursula Lehr
Preisträgerin und Preisträger der Stadt Rödental mit Laudatorin Prof. Dr. Dr. h.c. Ursula Lehr, Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen; © BZgA, Foto: David Ausserhofer

Kommune und Wettbewerbsbeitrag im Überblick

Schwerpunkt des Beitrags

Gesundheitsprävention für die Zielgruppe älterer Menschen über 65 sowie von Hochaltrigen durch Fitnesstraining und aufsuchende ehrenamtliche Arbeit.

Anlass und Ausgangssituation

Rödental ist eine Kleinstadt im oberfränkischen Landkreis Coburg (Bayern). Im Mittelpunkt des Rödentaler Beitrags steht das im Jahr 2009 entwickelte kommunale Programm "Fit für den Alltag!", in dessen Rahmen ehrenamtliche jüngere Seniorinnen und Senioren – mittlerweile sind dies rund 130 Personen – nach einer entsprechenden Ausbildung hochaltrige sturzgefährdete und/oder schon einmal gestürzte Seniorinnen und Senioren in ihrem Zuhause besuchen und hier mit ihnen für die Dauer von zehn Wochen Gleichgewichts- und Kraftübungen durchführen. Anlass für das Programm waren die Erfahrungen eines Rödentaler Hausarztes, der zugleich Stadtrat und Seniorenbeauftragter der Stadt ist. Dieser hatte bei seiner jahrzehntelangen Tätigkeit mit seinen Patienten gesehen, woran es bei der Versorgung der alten Menschen fehlt und was getan werden kann, damit sie länger selbständig zu Hause bleiben können.

Konzeption und Ziele

Hauptziel des Programms "Fit für den Alltag!" ist es, (weitere) Stürze bei älteren Menschen zu vermeiden und dadurch einen wesentlichen Beitrag für ein selbständiges Leben in den eigenen vier Wänden trotz hohen Alters zu leisten. Nach der zehnwöchigen Übungsphase zu Hause wird das bisherige Einzeltraining in einer Gruppe weitergeführt, wofür unter anderem ein Fahrdienst zur Verfügung steht.

Im Kern geht es also um eine Schnittstelle zwischen bürgerschaftlicher Engagementbereitschaft und einem "Einsatzfeld", in dem Hochbetagten ihre lebensweltliche Integration in das gewohnte Umfeld durch Bewegungsselbständigkeit weiterhin ermöglicht wird. Die Kommune formuliert dazu pragmatisch: "Jüngere Senioren müssen entdecken, dass eine Kommune, an der ich jetzt Hand anlege, mir dann helfen wird, wenn ich selbst älter werde".

Vorgehen und Umsetzung

In diesem Kontext wurden drei Einzelprojekte eingereicht:

  • Seniorenfitnessstudio mit Sportgruppen, Galileo-Kursen, Gruppen für Sturzprophylaxe:
    Seit 2004 werden in einem Altenheim Kurse für Seniorinnen und Senioren in zwei Fitness-Räumen angeboten. Das größere Studio ist mit seniorengerechten Übungsgeräten ausgestattet, an denen unter anderem Gehen, Wiedererlangen von Kraft und Koordination nach Schlaganfällen, Sturzprävention, allgemeine Steigerung von Muskelleistung und Muskelkraft trainiert werden. Die eingangs beschriebene  aufsuchende Arbeit im Rahmen des Programms "Fit für den Alltag!" ist Teil dieses Einzelprojektes.
  • Präventive Hausbesuche – Risikoindikatorenerkennung – Verhinderung unnötiger stationärer Einweisungen:
    Geschulte Ehrenamtliche sammeln im Rahmen von Hausbesuchen bei Hochaltrigen Gesundheitsdaten und informieren bei Gefahr bzw. einer Gesundheitsverschlechterung den jeweiligen Hausarzt. Das Projekt findet in Kooperation mit den Rödentaler Hausärztinnen und -ärzten statt und wird von der Hochschule Coburg evaluiert.
  • "Häusliche Hilfen" – häusliche Versorgung von Hochbetagten mit motorischem Training:
    17 Mitarbeiterinnen versorgen etwa 60 Hochbetagte auf Anfrage und gegen Bezahlung zu Hause und können sie darüber hinaus begleiten, um sie – so heißt es im Wettbewerbsbeitrag – "wieder aus der Sturzkrankheit herauszuführen. Es ist offensichtlich, dass dieses Konzept die Lebensdauer zu Hause signifikant verlängert. (…) Auch werden medizinische Probleme früher erkannt und dem Hausarzt zugeführt." Durch präventive Hausbesuche bei Hochbetagten werden so unnötige stationäre Einweisungen verhindert (Reduktion um ein Drittel und Verhinderung des Drehtüreffektes).

Diese Unterstützung von individueller Selbständigkeit bis ins hohe Alter findet ihre Entsprechung in einer seniorengerechten stadträumlichen Gestaltung. Auf Basis einer stark partizipativ angelegten Bedarfsanalyse wird der öffentliche Raum in Rödental zunehmend barrierefrei gestaltet – beispielsweise durch die Beseitigung von "Stolperfallen", die farbliche Markierung von Stufen, die Einrichtung einer geeigneten Straßenquerung im Stadtzentrum inklusive abgesenkter Bürgersteige, Fahrbahnverengungen und Geschwindigkeitsbegrenzungen, Installation selbst öffnender Türen an Geschäften und Verbesserung des Rödentaler Stadtbuskonzeptes (Anschaffung neuer Busse, Veränderung der Schriftgröße von Fahrplänen etc.). Darüber hinaus wurde in einem Stadtteil eine Wohnanlage aus den 1950er-Jahren seniorengerecht umgebaut (Grundrissanpassung, Barrierefreiheit).

Der Gesamtansatz ist der langjährigen Initiative des engagierten Hausarztes zu verdanken, der innerhalb und außerhalb von Politik und Verwaltung starke Partner für die Realisierung des Vorhabens gewinnen konnte. Der Rat beteiligt sich an der Umsetzung des Beitrages ebenso wie der Bürgermeister sowie verschiedene Bereiche der Kommunalverwaltung. Der Ansatz wird auch von Gruppen in den Nachbarkommunen aufgegriffen.

Begründung der Prämierung

Der Beitrag zeigt exemplarisch, was gerade in ländlichen Gesellschaften ("man kennt sich") charismatische Einzelpersönlichkeiten mit langem Atem erreichen können. So wurde ein System aufgebaut, das im Jahr 2014 mit Trainings zur Sturzprophylaxe bei 363 Veranstaltungen in 16 Gruppen 3.085 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erreichte. Angesichts der geringen Stadtgröße ist das Beispiel Rödental so auch in seinem quantitativen Umfang bemerkenswert.

Hier findet sich ein tatsächlich ganzheitlicher Ansatz sowohl im Hinblick auf die Verankerung des Projektes in der Lebenswelt der Zielgruppe (Wohnung, Quartier, Stadt) als auch unter dem Aspekt Akteursvernetzung und -beteiligung sowie der Verknüpfung von Verhaltens- und Verhältnisprävention.

Eingebettet ist der Ansatz in kommunale Strategien einer altersgerechten Stadt(teil)entwicklung in Rödental. Dazu zählen u.a. die barrierefreie Gestaltung des öffentlichen Raums und die Verbesserung des Stadtbuskonzepts.

Eine stark partizipativ ausgerichtete und auf die Zielgruppe (hochaltriger) Seniorinnen und Senioren ausgerichtete Ausgangs- und Bedarfsanalyse liegt vor. So wurden etwa ältere Menschen in Rödental zu ihren Wünschen bezüglich einer seniorengerechten Stadtplanung befragt. Zudem wird ein Qualitätsmanagement im Rahmen einer Selbstevaluation (regelmäßige Dienstbesprechungen mit den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern) und einer Fremdevaluation (Hochschule Coburg) durchgeführt.

Der Beitrag dient in ungewöhnlich starkem Maße der Förderung von Empowerment, Eigeninitiative, Partizipation und ehrenamtlichem Engagement älterer Menschen in einer ländlichen Struktur.

Kontakt Dr. Wolfgang Hasselkus
Stadtrat und Seniorenbeauftragter
der Stadt Rödental
Bürgerplatz 1
96472 Rödental
Tel.: + 49 9563-8300
E-Mail: hasselkus@t-online.de